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Brauchen wir mehr digitale Führungskräfte?

Brauchen wir mehr digitale Führungskräfte?

„Es gibt keinen Plan B für die Digitalisierung“, sagt Lucas Bechtle. Als Managing Partner von DigitalFuture ist er daher auf der Suche nach den besten Persönlichkeiten aus der digitalen Welt und vermittelt sie als Führungskräfte an Unternehmen. Im Interview spricht er über die Rolle von CDOs (Chief Digital Officers), ihren Einfluss in der Chefetage und verrät, worauf es bei dieser neuen Position besonders ankommt.

„Der CDO von heute ist der CEO von morgen“, lautet Ihre Überzeugung. Ist das mitunter ein Grund, weshalb Unternehmen an der Wiener Börse diese Position bisher kaum besetzen?

Lucas Bechtle: Über die Gründe könnte ich spekulieren, aber ein Blick auf die Fakten reicht schon: Erstens wird die digitale Kompetenz immer wichtiger – auch und gerade im C-Level. Die Entscheidungen im digitalen Bereich haben längst eine strategische Tragweite erreicht. Zweitens gibt es in Österreich im ATX gerade einmal ein Unternehmen, bei dem das Wort „Digitalisierung” bei einem Vorstandsmitglied auftaucht. Von daher muss es in allen Vorständen eine Entwicklung in diese Richtung geben. Je eher, desto besser, wenn die Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleiben soll. Und drittens werden in Deutschland gerade händeringend digitale Expert:innen auf C-Level gesucht. Von daher gehe ich davon aus, dass sich auch die Zuständigkeiten und Personen in den österreichischen börsennotierten Unternehmen ändern werden.

Was zählt zu den Aufgaben von CDOs und welche Vorteile entstehen dadurch für Unternehmen?

Lucas Bechtle: CDOs werden zunächst einmal die Fakten auf den Tisch legen und eine gründliche Analyse des Digitalisierungsgrads der Organisation aufstellen. Dafür muss man über analytische Fähigkeiten verfügen, die Markt- und Technologieseite bestens kennen und so viel Verständnis von den Trends haben, um heute schon abschätzen zu können, was für das Unternehmen in fünf Jahren wichtig sein kann. Etwa um digitale Synergien zu heben, Marktanteile auszubauen und Unternehmen auf die nächste Evolutionsstufe zu bringen. Etwas detaillierter: Wer sein Unternehmen digital und damit nachhaltiger gestalten will, kommt heute nicht mehr an Themen wie Change of Culture, digitale Mehrwerte oder Cloudlösungen vorbei – genau dafür sorgt diese neue Position.

Was verpassen all jene, die nicht auf den Zug mit aufspringen?

Lucas Bechtle: Sie verpassen den Anschlusszug und bleiben auf der Strecke. Es gibt keinen Plan B für die Digitalisierung. Es ist wie mit dem geflügelten Wort über die Wissenschaft: Man kann nicht punktuell forschen. Das Licht der Wissenschaft zu entzünden, heißt, es überall zu entzünden. Genauso ist es mit der Digitalisierung. Ich würde sogar so weit gehen, dass das Bild vom Zug etwas hinkt, da hier ein Weg mit festen Stationen vorgegeben ist. Die Funktion von CDOs ist es aber erst einmal, auch die Strecke auszuwählen und die Gleise legen zulassen. Da braucht es so manche Brücke, so manchen VPN-Tunnel und eine ganze Reihe von maßgeschneiderten Details.

International hat sich diese bedeutungsvolle Position in vielen Ländern längst durchgesetzt. Wie schneidet Österreich im Vergleich dazu ab?

Lucas Bechtle: Wir haben von unseren Standorten in München und Wien im ersten Schritt einmal auf die ATX-Unternehmen geschaut und sehen erhebliches Potenzial. In Deutschland haben weit mehr Unternehmen eine:n CDO, teilweise haben diese aber nur eine kurze Verweildauer. Das hat mehrere Gründe: Die Funktion ist neu und greift übergreifend in andere angestammte Funktionen hinein. Das kann für Unmut sorgen oder das Tempo herausnehmen. In den Vereinigten Staaten ist die Position heute bereits etablierter und aus unserer Sicht stärker akzeptiert. Dort gibt es größere Handlungsfelder, da kulturell in den USA die Funktion im Vordergrund steht.

Als Headhunter sind Sie darauf spezialisiert, die besten digitalen Führungskräfte zu finden. Was zeichnet diese aus?

Lucas Bechtle: Wir sind immer auf der Suche nach einem bestimmten Mindset. Dieses legen wir zuvor individuell mit unseren Kund:innen an. Im Anschluss gehen wir auf die Suche – erst in unserem Netzwerk, dann weiten wir die Suche aus. Mitbringen sollten die Kandidat:innen immer ein ausgeprägtes technisches Verständnis, Empathie bei einem gleichzeitig durchsetzungsstarken Charakter sowie den berühmten langen Atem, um nachhaltig Unternehmen und ihre Kultur zu verändern. Führungs- und Kommunikationsstärke und der Blick bis hinter den Horizont sind ebenfalls wichtige Eigenschaften. Aber wie gesagt, die Bedürfnisse und der Fokus der Unternehmen und Organisationen sind immer stark unterschiedlich.

Die Digitalisierung verändert die Wirtschaft und Gesellschaft zunehmend. Durch welche Innovationen werden wir in einer digitalen Zukunft einmal alle profitieren?

Lucas Bechtle: Wie bei allen Innovationen geht es um die Reduktion von Komplexität. Es ist wie beim Autofahren: Fast alle über 18 können es, aber mit Drehmomenten, Zündkerzen, Hubraum und dergleichen können weitaus weniger etwas anfangen. Die Digitalisierung wird unsere Arbeitswelt immer weiter durchdringen und die Arbeit an einigen Stellen vereinfachen. Die gesamte Kommunikation wird sich noch einmal wandeln und es wird nicht bei der Arbeit bleiben. Wir werden digital Entschuldigungen für unsere Schulkinder einreichen, Klassenfahrten und allergiegerechte Speisen dafür buchen und hoffentlich bald eine digitale Verwaltung erleben.

Wie wird man als digitale Führungskraft erfolgreich?

4 Tipps des Profis

#1 Eine ausgeprägte Kommunikationsstärke und ein empathisches Vorgehen in der Führung sorgen für Commitment und Identifikation.

#2 Ein hohes technisches Know-how, um zu erkennen, welche Mehrwerte sich durch die Digitalisierung noch schöpfen lassen, Stichwort „Data Lake”.

#3 Die berühmte „Get-things-done-Mentalität”: CDOs ohne Durchsetzungsstärke bleiben nicht lange in ihrer Position.

#4 Ein hohes Abstraktionsvermögen und der Blick über den Tellerrand: Wie kann das Unternehmen heute schon auf die Entwicklungen in fünf Jahren aufgestellt werden? Welches digitale Tool bringt bei der Implementierung welchen wirtschaftlichen Mehrwert? Man muss nicht nur hierauf Antworten finden, sondern weitere Fragen individuell für das Unternehmen entwickeln und beantworten.

International haben sich CDOs vielerorts bereits durchgesetzt, in Österreich ist die Zahl der digitalen Führungskräfte hingegen noch vergleichsweise gering.