„Jedes Unternehmen sollte ein Spiegelbild der Gesellschaft sein“

Und diese ist bekanntlich bunt wie ein strahlender Regenbogen. Oder eine Weltkarte im Schulatlas. Denn Diversität betrifft auch multikulturelle Zusammenarbeit. Rudi Anschober über Chancen, Herausforderungen und persönlichen Bereicherungen einer interkulturellen Arbeitswelt.

„Wir haben in Österreich eine unglaublich zunehmende Vielfalt von Lebenshaltungen und Lebenswegen. Kurz: Das ganze Leben ist vielfältiger geworden!“, sagt Rudi Anschober. Unternehmen, die sich diesem Phänomen verschließen, würden an der gesellschaftlichen Wirklichkeit „vorbeiarbeiten". Was zum Glück nur noch sehr selten vorkäme. Zunehmende Globalisierung, internationaler Wettbewerb, multinationale Unternehmensfusionen und (Arbeits-)Migration sprechen für sich: Multikulturelle Teams in Unternehmen werden auch in Zukunft eine immer häufigere Arbeitsform sein. Fast ein Viertel aller Beschäftigten Österreichs hat Migrationshintergrund. Und sorgt damit für ein buntes Arbeitsleben.

Multikulturelle Teams sind längst in fast allen oberösterreichischen Unternehmen Realität. Welche Vorteile bringen sie für das Unternehmen, welche für die heimische Wirtschaft?

Anschober_Kulturelle Vielfalt fördert nicht nur die Kreativität im Unternehmen und stärkt die interkulturelle und soziale Kompetenz jedes Einzelnen. Kulturelle Vielfalt bringt in Zeiten von Fachkräftemangel auch wirtschaftliche Vorteile. Für viele große und kleinere Unternehmen, die teilweise monate- oder jahrelang auf Facharbeiter- oder Lehrlingssuche waren, sind Migranten oder Asylwerber nun DIE große Hoffnung des Betriebes. Es hat sich aus dieser „Notsituation" heraus also auch ein großes Verantwortungsgefühl und Bewusstsein von Unternehmen entwickelt.

Mit welchen Problemen sind Unternehmen mit kultureller Vielfalt konfrontiert? Welche Lösungsansätze gibt es dafür?

Anschober_Natürlich entsteht mit neuen Mitarbeitern aus anderen Regionen auch ein Prozess im Unternehmen, der vor allem am Beginn etwas schwierig sein kann. Kulturelle, sprachliche und religiöse Unterschiede benötigen Offenheit und gegenseitiges Verständnis, aber auch Regeln für das gemeinsame Arbeiten in einem Unternehmen. Größere Betriebe verfolgen oft eine eigene Diversity-Strategie, um die Integration zu fördern und Potentiale der unterschiedlichen Mitarbeiter bestmöglich nutzen zu können. Aber auch kleinere Unternehmen zeigen ohne formale Strategien eine große Bereitschaft, ein gutes Miteinander zu fördern. Bei Fragen zu Diversity-Management und Integration können sich Unternehmen an die Wirtschaftskammer oder die Integrationsstelle des Landes wenden. Hier werden auch Experten – wie zum Beispiel für Workshops in Unternehmen – vermittelt.

„Zuwanderung kann eine Antwort auf den Fachkräftemangel sein.“

Rudi Anschober Oberösterreichischer Landesrat für Integration

Was bedeutet für Sie interkulturelle Kompetenz? Wer benötigt in erster Linie interkulturelle Kompetenz?

Anschober_Ganz klar: Interkulturelle Kompetenz brauchen nicht nur Menschen, die regelmäßig im Ausland tätig sind oder in internationalen Teams arbeiten. Interkulturelle Kompetenz benötigt jeder von uns. Man braucht ein offenes Herz und offene Augen. Um sich damit auf andere und das Andere einlassen zu können. Diese Kompetenz erwerben wir automatisch, wenn wir Bereitschaft zeigen, voneinander zu lernen und aufeinander zuzugehen. Es geht also ums Zuhören, Nachfragen und um Verständnis. Und hier gibt es Hunderte von Möglichkeiten, Integrationsarbeit zu leisten. In Unternehmen und natürlich auch außerhalb davon. Die eigene Offenheit und interkulturelle Kompetenz wird dadurch von selbst gefördert.

Welchen Einfluss haben Führungskräfte auf das (inter-)kulturelle Bewusstsein in einem Unternehmen? Worauf sollte beim Führen interkultureller Teams besonders achtgegeben werden?

Anschober_Führungskräfte sollen sich immer bewusst machen, dass Integration wie das Training für einen Marathonlauf ist: Wenn man zielstrebig daran arbeitet, wird es funktionieren, aber sicher nicht gleich von heute auf morgen. Durchhaltevermögen, Konsequenz und der eigene Blickwinkel sind hier sehr, sehr wichtig. Es gibt Führungskräfte, die mir erzählt haben, dass sie anfangs Berührungsängste und Schwierigkeiten mit Asylwerberlehrlingen im Unternehmen festgestellt haben. Im Regelfall haben die neuen Mitarbeiter dann schnell mit ihrer Leistung und ihrer Persönlichkeit überzeugt. Wir haben in Oberösterreich über 380 Asylwerber in Lehrberufen – damit ist interkulturelles Bewusstsein ein großes und wichtiges Thema für Unternehmen, ihre Mitarbeiter und ihre Führungskräfte. Die Unternehmensführung kann hier durch Vorbildwirkung viel zu einem wertschätzenden Umgang mit kultureller Vielfalt beitragen. Und etwa die Bereicherungen bewusst wahrnehmen, die kulturelle Vielfalt mit sich bringt. Ein persönliches Beispiel: Ich habe vor kurzem in einem Linzer Restaurant Apfelschlangerl mit Sternanis gegessen. Das schmeckte anders. Aber großartig. Der Koch hatte eines seiner Lieblingsgewürze aus seiner Heimat dafür verwendet. Also ein traditionelles Gericht neu interpretiert. Für mich eine Bereicherung. Natürlich gibt es auch Enttäuschungen und Schattenseiten, das ist normal. Überall, wo Menschen handeln, gibt es das. Aber 98 Prozent aller Migranten gehen einen guten Weg. Und das soll auch gezeigt und erzählt werden.

Sie haben vor gut einem Jahr die Initiative „Ausbildung statt Abschiebung" gestartet. Wie wollen Sie sich weiter für dieses Ziel einsetzen?

AnschoberWir haben das Unterschriftenziel der Open Petition auf 100.000 erweitert. Über 1.000 Unternehmen unterstützen die Petition bereits. Vielen ist bewusst geworden, dass Zuwanderung eine Antwort auf den Fachkräftemangel sein kann. Bis dato haben wir über 65.000 Unterzeichner der Petition, 190 Gemeinden mit 2,8 Millionen Einwohnern und viele Prominente, die das Ziel unterstützen. Wir versuchen auch gerade, einen Brief an den Bundeskanzler zu richten, um die Möglichkeit zu bekommen, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Besonders begeistert bin ich von unserer neuen Integrationskampagne „Wir sind Oberösterreich“: Ein Feuerwehrhauptmann aus Wilhering wird hier mit einer Feuerwehrfrau aus Afghanistan zu sehen sein. Gemeinsam in einer Klammer, die für unsere Grundwerte steht. Wir bringen die vielen, vielen positiven Beispiele, um Migration und Vielfalt als Chance und Bereicherung sichtbar und spürbar zu machen._

Gedanken

Erfolg bedeutet für mich,_dass sich die Gesellschaft ein kleines Stück weiter in die Richtung eines menschlichen Umgangs miteinander bewegt.

Mein größter beruflicher Wunsch ist, dass_wir es schaffen, dass die Asylwerber, die in einer Lehre sind und von der Abschiebung bedroht sind, wegen ihrer großartigen Integrationsleistung im Land bleiben dürfen.

Wie sich dieser Wunsch erfüllen lässt_Wenn es uns gelingt, so stark in der Gesellschaft zu werden, dass der Bundeskanzler beeindruckt ist, umdenkt und eine Lösung der Menschlichkeit und der ökonomischen Vernunft zulässt.

Vielfalt ist_für mich eine Bereicherung meines Lebens.

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